Welche Symptome auf unterdrückte Wut hindeuten, was sie mit deiner Kindheit zu tun hat und wie der Umgang damit gelingen kann, erfährst du hier.
Ich selbst habe lange Zeit meine eigene Wut unterdrückt oder „verheimlicht". Traurigkeit fiel mir dagegen schon immer leichter zuzulassen.
Wenn ich zum Beispiel mit meiner Hündin Gassi gegangen bin und sie mich genervt und wütend gemacht hat, war mir das lange sehr unangenehm. Ich habe mich geschämt und nachgeschaut, ob jemand sehen könnte, dass ich wütend auf sie bin, und vielleicht etwas Falsches über mich denkt. Ich hatte richtig Angst vor der Verurteilung anderer Leute und habe meine Wut deshalb lieber unterdrückt und versteckt, auch wenn sie spürbar da war. Dazu kamen meine eigenen verurteilenden Gedanken: dass ich als Heiler und Coach doch nicht wütend sein dürfe, schließlich müsse ein Heiler alle Gefühle „durchtransformiert" haben und im Frieden mit sich selbst sein.
Nein, muss er natürlich nicht. Denn Wut will, wie alle anderen Emotionen auch, fließen und sich ausdrücken.
Ich möchte das Ganze einmal aus der Bewertung herausnehmen. Freude und positive Emotionen sind oft willkommen, während Emotionen wie Wut schnell negativ bewertet werden. Dabei steckt hinter Wut oder Aggression eine enorme Kraft.
Hinter der Wut kommt die Kraft
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Als ich vor einigen Jahren einen heftigen Burnout erlebt habe, war zuerst scheinbar nur Traurigkeit da. Später habe ich gemerkt, dass hinter dieser Traurigkeit ganz viel Wut steckte. Und durch die Wut kam dann wieder die Kraft, um mein Leben völlig zu verändern.
Also merke dir: Hinter der Wut kommt immer die Kraft. Du kennst es bestimmt selbst: Wenn du so richtig wütend bist und alles kaputtschlagen willst, dann spürst du da auch eine enorme Kraft. Die Frage ist nur, wie du diese Kraft einsetzt - konstruktiv oder destruktiv. Und: Spürst du deine Wut überhaupt noch?
Welche Symptome zeigt unterdrückte Wut?
Aus meiner Arbeit mit Klienten kann ich sagen, dass Symptome unterdrückter Wut häufig Entzündungen sind. Das zeigt sich zum Beispiel durch Rötungen oder Schwellungen der Haut, durch ein Anschwellen des Halses („Ich hab' so einen Hals!") oder der Leber („Mir liegt was auf der Leber."). Häufig schlucken wir herunter, was wir eigentlich gern sagen würden. Auch das kann Krankheiten aller Art erzeugen und eben oft Entzündungen.
Was deine Kindheit damit zu tun hat
Die Ursache liegt meist darin, dass wir in der Kindheit natürlich schon einmal wütend gewesen sind. Frag dich einmal: Wie war es, als du wütend warst? Hattest du Eltern und Lehrer, die es dir erlaubt haben? Durftest du deiner Wut Raum geben? Oder hast du Ablehnung erfahren - nach dem Motto „Ein Indianer kennt keinen Schmerz", und Gefühle wie Traurigkeit dürfen nicht da sein?
Versuche, dich an Kindheitssituationen zu erinnern. Durftest du richtig wütend sein, schreien und trampeln? Durftest du deine Wut ausleben? Wenn ja, ist das Gefühl bei dir sicherlich gut im Fluss. War das nicht der Fall, könnte das eine Ursache sein, dass du Wut häufig herunterschluckst und das Gefühl hast, niemand habe dich mehr lieb, wenn du wütend bist.
Denn durch das Nicht-ausleben-dürfen der Wut in der Kindheit oder durch die Reaktion deiner Eltern und Umgebung hast du eine Konditionierung erfahren: „Ich darf nicht wütend sein, denn dann mag mich keiner mehr." Wenn du die Wut dein Leben lang herunterschluckst, ist es schwer, wieder ins Fühlen und Spüren zu kommen.
Es gibt eine Lösung
Nimm alles, was du fühlst und spürst, liebevoll an. Versuche zu spüren, wenn sich die Wut in deinem Körper zeigt, zum Beispiel in der Halsgegend durch Halsschmerzen oder in der Bauchgegend durch Bauchschmerzen. Wenn es dir schwerfällt, wieder ins Spüren zu kommen, gibt es dafür viele verschiedene Übungen und die Möglichkeit, dich professionell unterstützen zu lassen. So kannst du den Kanal des Fühlens und Spürens wiederherstellen.
Die zweite Lösung ist, dem anderen die Dinge einfach mitzuteilen: Was ist dein Gefühl, was ist dein Bedürfnis, und was brauchst du? Das kann so heilsam sein. Du musst ja niemandem gleich eine reinhauen, schon gar nicht deinem Chef. Aber du kannst mitteilen, dass du dich wütend fühlst. Dafür ist der andere nicht schuld - er trifft nur einen Trigger in dir.
Nimm dein inneres Kind in den Arm
An dieser Stelle lade ich dich ein, dein inneres kleines Kind, das damals wütend war und nicht die Erlaubnis hatte, wütend zu sein, innerlich in den Arm zu nehmen. Wichtig ist, die Wut erst einmal da sein zu lassen. Du darfst wütend sein. Nimm sie liebevoll an und frage dich, ob du auf etwas wütend bist oder einfach nur die Wut in dir spürst.
Ein Schlüssel zu vielen Krankheiten ist, Wut und andere Gefühle erst einmal da sein zu lassen und liebevoll anzunehmen. Stell dir folgende Situation vor: Zwei Eltern gehen mit ihrem fünfjährigen Kind in einen Supermarkt. Dort sieht das Kind einen Lolli, den es unbedingt haben möchte. Die Eltern sagen aber Nein. Das Kind wird wütend, fängt an zu schreien und um sich zu schlagen.
An dieser Stelle gibt es zwei Optionen. Erstens: Die Eltern versuchen, das Schreien zu unterbinden. Zweitens: Die Eltern lassen das Kind einfach schreien. Bei Letzterem darf das Kind seine Wut und Gefühle liebevoll annehmen und durchleben. Wenn sie draußen sind, sieht es vielleicht auf einmal etwas, worüber es sich wieder freut - und die Situation von eben ist schon vergessen. Die Wut ist transformiert. Wird die Wut dagegen unterdrückt, dann erlauben wir sie uns später vielleicht nicht mehr und unterdrücken sie womöglich unser Leben lang.
Tiere ruhen sich eine Zeit lang aus, wenn sie etwas Traumatisches erlebt haben. Sie drücken es nicht weg und machen nicht gleich weiter, wo sie aufgehört haben. Denn jeder braucht Zeit, um so etwas zu fühlen und zu verarbeiten. Daran können wir uns ein gutes Beispiel nehmen.
Lass deine Wut raus
Ich lade dich ein, deine Wut zu fühlen und sie rauszulassen. Geh zum Beispiel, wie ich es einmal getan habe, in den Wald und schreie alles raus. Schreie so laut du kannst, oder nimm einen toten Ast und schlage ihn auf einen Stein oder den Boden. Lass alles heraus. Falls dort ein anderer Spaziergänger ist, sag ihm einfach, dass du wütend bist und jetzt einmal alles rauslassen musst. Er wird das Gefühl sicher kennen und Verständnis haben. Dann brauchst du dir auch keine Gedanken zu machen, was er von dir denken könnte - er weiß ja Bescheid. Wichtig ist, dass du deine Wut annimmst und sie nicht „weg machen" willst. Es ist okay, wütend zu sein.
Das Entscheidendste ist, dich selbst mit all deinen Gefühlen liebevoll anzunehmen und dir zu sagen: „Ich bin auch liebenswert und auch in Ordnung, wenn ich wütend bin."
Fang wie immer mit kleinen Schritten an. Teile deinem Gegenüber mit, dass du wütend bist, und sei einfach mal wütend. Mute dem anderen deine Gefühle zu, auch deine Wut. Das ist sogar wertschätzend dem anderen gegenüber.
